Das kapitale Binnen-I. Oder: Sexusneutrale Sprache.

Sexusneutrale Sprache

Ich bin keiner von denen, die darauf Wert legen, dass eine Sprache so bleibt, wie man sie gewohnt ist. Wahrscheinlich auch einer der wenigen bekennenden Befürworter der Rechtschreibreform — in manchen Teilen. Dennoch bezeichne ich mich als Sprachfetischist und möchte mich in erster Linie einmal bei der MA57 bedanken, dass es endlich einmal eine grammatikalisch ausgearbeitete Seite gibt [ 1 ], die sich mit dem — ich möchte schon sagen — leidigen Thema der geschlechtsneutralen Sprache auseinandersetzt. Die angesprochene Seite hat auch diesen Text inspiriert.

Ich möchte dazu meine kleine, subjektive Tube Senf abgeben:

  • In den meisten Werken wirkt eine sexusneutrale Sprache holprig. Leicht erkennbar ist dahinter eine beinahe reflexartige Furcht des Autors oder ein übertriebener Symmetrisierungswille der Autorin (meist genau mit diesen Geschlechteraufteilungen). Nur selten sind gut, im Sinne von gutem Deutsch, geschriebene sexusneutrale Texte zu lesen. Leider.
  • Ich empfinde die Verwendung des kapitalen Binnen-I als eine Vergewaltigung des Deutschen. Die anderen Methoden, besonders die Überfeminisierung (also z.B. die Anwältinnen anstatt die Anwälte), gefallen mir recht gut, da hier aktiv eine Aussage transportiert wird, die mit dem kapitalen Binnen-I meines Erachtens nur aus falscher politischer Korrektheit eingewoben wird. Die mir angenehmste Variante ist allerdings immer noch die mit Dingsinnen und Dingsen. Die Schreibenden könnten auch auf Partizipialkonstruktionen ausweichen. So wie ich hier.
  • Besonders im von mir sehr geschätzten Augustin ist mir schon öfters aufgefallen, dass die sexusneutrale Formulierung nicht konsequent angewandt wird. Speziell wenn es um Wohlfühlthemen geht, dann wird gleichberechtigt: ÖsterreicherInnen, Arbeiter und -innen, fleißige Mitbürgerinnen und Mitbürger. Bei kontroversen oder pfui-Themen verzichtet der Verfasser oder die Verfasserin doch recht oft darauf: Rassist, Polizist (im Augustin leider oft Buhmänner), Regierungsmitglied (ebenso). Auch in anderen Druckwerken ist mir das schon etwas säuerlich aufgestoßen.
  • Warum zur Henkerin beschwert sich eigentlich niemand darüber, dass der Genus von nicht volljährigen, dem Sexus nach weiblichen Mitbürgerinnen, sächlich ist? Das Mädchen? Das ist eines der Dinge, die sicherlich jedem kleinen Kind in der Schule als erstes auffallen, wenn es die Grundregeln der deutschen Grammatik erstmals angehen muss. Ich glaube, der ganze K(r)ampf mit der geschlechtsneutralen Formulierung hätte mit einem Schlag ein Ende, wenn diese Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft würde. Dann hätte man(n) diese Hürde wohl bewältigt.
  • Ich habe absolut keine Bedenken dabei, von unseren Kundinnen und Kunden in der Gesamtheit als unsere Kunden zu sprechen. Schließlich geht es um alle Kunden und nicht um zwei disjunkte Kundengruppen einerseits männlicher und andererseits weiblicher Ausprägung. Aber gerade die Pluralbildung ist ein Punkt, wo ich glaube, dass eine allgemeine Regel niemals erstellt werden kann. Es kommt hierbei viel zu viel auf das Gefühl an, ob eine getrennte Nennung von Mann und Frau sinnvoll ist oder nicht. Wenn bei einem Schulungsdokument ein konkretes Problem bearbeitet werden soll, ist es für mich und hoffentlich auch die Lesenden unerheblich, ob ein Mann oder eine Frau das Problem hat. Wenn das nicht so sein sollte, habe ich
    1. entweder ein Problem vor mir, dass wirklich geschlechtsspezifisch ist. Dann gehört eine saubere Trennung der relevanten Merkmale her. Hier also das Geschlecht. Oder
    2. muss ich mir Gedanken machen, ob nicht andere Merkmale wie politische Gesinnung oder religiöse Zugehörigkeit ein relevantes Thema sind. zB bei Sternzeichen, Formulierungen wie Gott sei Dank, Namensgebungen für Beispielpersonen (Nenne ich einen Mann Adam? Oder Mohammed? Oder George?)

Die obigen Punkte klingen jetzt so, als wäre ich ein Verfechter der alten, männlichen Schule. Beileibe nein. Es sind Beobachtungen und eine gefühlte Einstellung.

Leider ist unser Bewusstsein für geschlechtsneutrale Formulierungen noch zu wenig ausgeprägt. Und dort, wo es da ist, klingt es zu oft fürchterlich. Und ich spreche hier nicht nur für Männer. Ich habe das Thema auch schon zur Genüge mit Frauen ausgewälzt. Viele Formulierungen klingen für unsere Ohren einfach zu seltsam. Einen konsequenten und sinnvollen Einsatz im täglichen Leben für geschlechtsneutrale Formulierungen haben wir nicht von klein auf miterlebt. Um so bewusster verwende ich sie für mich. Quasi als Sensibilisierung. Bleibt zu hoffen, dass die Bewusstseinsbildung bereits in den Schulen beginnt. Hier sitzen ja doch (noch) meistens Lehrerinnen in der Position, die diese Möglichkeit bietet.

Zur Webseite aus [ 1 ]: Ich begrüße die kritische und vor allem sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema und hoffe, dass das Binnen-I zu Gunsten anderer Alternativen irgendwann wieder von der Bildfläche verschwindet. Oder am besten gleich das ganze Problem. Das wäre noch schöner. Aber dann nicht nur im Bezug auf das Geschlecht, sondern auch auf Religion, Hautfarbe, und so weiter. Aber ich beginne wohl zu träumen…

Ich konnte es mir übrigens nicht verkneifen, einen Versuch auf eine sexus- und genusneutrale Version unserer Bundeshymne zu verfassen [ 2 ]. So ganz gelungen ist das nicht, aber es ist ein Anfang.

ÖNORM A 1080 spricht mir nebenbei gesagt angeblich aus der Seele. Ich kann das zwar momentan noch nicht belegen, aber ich habe mit einem Mitverfasser dieser Norm gesprochen, der mir bestätigt hat, dass das kapitale Binnenmajuskel nicht erwünscht ist. Sollte die Quelle frei verfügbar sein, liefere ich selbstverständlich einen Link nach.