Die globale Gurke

The importance of how to harvest

Vorwort

Ich lerne ja auch dazu. In diesem Fall gab es einen Aspekt, den ich nicht berücksichtigt habe: Transporte sind vielleicht oft überflüssig. Aber manchmal fällt diese Überflüssigkeit nicht so sehr ins Gewicht, weil die Produktion der fraglichen Güter anders ablaufen kann. Äpfel mit Birnen zu vergleichen ist zwar böse, muss aber vielleicht manchmal angewandt werden. Allerdings muss man sich der Prämissen bewusst sein. Also möchte ich hier plakativ folgendes hinschreiben: Ein Bioapfel aus Neuseeland hat wahrscheinlich einen kleineren klimatischen Impact als ein regionaler Apfel, der in einem Kühlhaus durch den Winter gebracht werden muss (und vielleicht nicht einmal Bio ist, also mit international angekarrten Pestiziden gespritzt wurde).

Dass ein Bioapfel aus regionalem (nicht nationalem!) Anbau sicherlich besser ist, als ein angekarrter, steht für mich außer Frage.

Dennoch will ich den Artikel mehr oder weniger unverändert stehen lassen. Ich flechte diesen Aspekt einfach in den Fließtext ein.

Mein Groll…

…richtet sich heute vor allem gegen ein paar wehrlose Gemüse- und Obstsorten. Gurken. Und Paradeiser. Und Erdbeeren. Und Äpfel. Lauter Zeug, das bei uns wächst. Aber das ist nicht der Grund, warum ich mich darüber ärgere. Auch nicht, weil sie gesund und (normalerweise, wenn man keine Allergien und sonstiges Zivilisationskrimskrams hat) gut sind. Nein. Wenn man so durch die großen Geschäfte streunt und sich das Angebot ansieht, stellt man als mündiger Kunde, die wir ja alle sind, fest: Viele kommen von sehr weit her.

Sowas. Da haben wir so volksnahe Parteien, die gegen jeden Ausländer eine breite Front aufbieten können. Und dabei auch noch Unterstüztung von vielen, vielen Wählern erhalten. Aber wo sind diese patriotischen Freidenker, wenn das gemeine ausländische Gemüse unsere Regale infiltriert?

Ich habe dazu eine gewisse Vorstellung. Diese Ausländer sind gute Ausländer, weil sie irgendwie die Wirtschaft stärken. Wie das sein kann, ist mir zwar schleierhaft, dennoch scheinen sie stillschweigend geduldet. Und ich traue mich wetten, dass so mancher Politiker, der Ausländern gegenüber — sagen wir einmal — skeptisch gegenübersteht, beim Großkaufhaus seines Vertrauens gerne einmal zu holländischen Paradeisern, spanischen Gurken oder, huch!, türkischem Honig greift.

Und welchen Preis zahlen wir alle dafür? Gemüse wird (im besten Fall nur) quer durch Europa gekarrt. Angeblich um den armen Bauern in der Ferne den Absatz garantieren zu können, damit die sich über Wasser halten können. Damit die Frächter ihr Überleben sichern können?

Ich glaube das so nicht. Ich bin bei weitem kein Ökonom. Aber ich fürchte, dass die Leute, die das Sagen haben, das genauso wenig sind. Und für mich ist Ökonomie ohne Ökologie unfassbar dämlich. Wenn wir die Bauern und die Frächter einen fairen Preis zahlen dürften (oder müssten?), wären diese Gurken nicht für gerade einmal 1€ zu haben.

Zum Stichwort fairer Preis zähle ich ein Einkalkulieren von ökologischen und ökonomischen Faktoren. Die Förderungen müssen umstrukturiert werden, sodass man nicht mehr besser fährt, wenn man als Bauer auf fruchtbarem Boden Monokulturen anbaut. Die dann vielleicht nicht einmal zu Nahrung verarbeitet werden, sondern verheizt. Oder als Bauer, der sein vieh mit Sojafutter aus dem ehemaligen brasilianischen Urwald füttert.

Noch schlimmer finde ich es, wenn lebende Tiere von einem Land ins andere zum Schlachten gebracht werden, dann wieder zurück zum Verarbeiten. Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit? Wie kann es sein, dass es billiger zu sein scheint, als lokale Produzenten zu beliefern oder vielleicht gar entstehen zu lassen? Wenn das wirklich so ist, dann lasse ich mich auch mit dem LKW nach Frankreich zur Pediküre verfrachten und wieder retour zum Schnitzelessen. Warum ich das nicht tu? Weil mich die Bahntickets alleine ca. 200€ kosten würde. Fliegen plus Taxi oder Öffis wäre auch nicht billiger. Und als Paket? Kostet sicher mehr als 40€ für einen Versand einer Ware von mehr als 50kg. Warum gilt das nicht für Lebendvieh? Oder Gemüse? Warum zahle ich 7€, wenn ich eine Torte in die USA schicken will? Wo sind diese 7€, wenn ein Steak aus Argentinien kommt, das ich zugegebenermaßen auch ab und zu gerne esse?

Ich finde nicht, dass die Globalisierung aufgehalten werden muss. Das geht nicht mehr, wenn man sich an gewisse Bedingungen gewöhnt hat und die nicht mehr missen will *. Und eine Verbotsgesellschaft ist auch nicht das wahre. Aber ich finde, dass selbst in einer globalisierten und kapitalisierten Welt faire Preise ihren Einzug halten müssen.

Ein interessanter Aspekt an einem Fairtrade-Bauern ist zB der, dass es ihm durch den Zwang zu biologischem Anbau so gut wie unmöglich ist, eine Monokultur zu pflanzen. Also bekommt er zwar vielleicht pro Banane nicht sonderlich viel mehr, als wenn er sinnfrei anbauen würde. Allerdings hat er die Möglichkeit, mehrere Pflanzen zu kombinieren und so über das Jahr verteilt mehrere Produkte absetzen zu können.

Ich fürchte, dass wir den schemenhaft am Horizont verglühenden Kyoto- oder jetzt Balizielen eine Krokodilsträne nachweinen werden müssen. Euch werden wir so nicht erreichen. Und ich meine damit die sinnlose Vergeudung von Energie, sei es jetzt durch den Transport unokologisch hergestellter Produkte aus Übersee oder manch sinnloser Lagerung von verderblichen Gütern über den Winter. Oder der Autofahrt runter zum Geschäft ums Eck. Und wer was anderes glaubt, der soll bitteschön zur Sommerfrische einmal auf eine der vielbefahrenen Straßen seiner nächsten Großstadt (der Gürtel in Wien zur Mittagszeit an einem 35° heißen Tag bietet sich da wunderbar an) fahren und ein Picknick unter Bäumen und bei Motorengesang abhalten. Und tief durchatmen.

Ich fordere daher weltweit faire Preise bei fairen Arbeitsbedingungen. Und wenn das nicht möglich ist, entfernungsabhängige Zölle auf sämtliche Transporte für Waren, die es am Zielort ebenfalls gibt (Also die titelgebende Gurke aus dem anderen Ende Europas). Von mir aus Luftlinie. Gestaffelt nach allen was weiß ich 200km. Und zwar nicht linear, sondern quadratisch oder gar exponentiell. Und damit kostet die Glashaus-Gentomate aus einem Land fern des Konsumenten nicht mehr ein paar Cent, sondern ein paar Euro. Und damit ist der in dieser Hinsicht betrogenen freien Marktwirtschaft wieder genüge getan worden.

Eingangs habe ich erwähnt, dass man Äpfel mit Birnen nicht vergleichen soll. Das passiert allerdings leider jeden Tag im Geschäft: Die billigen Produkte kommen oft von weit her. Unter welchen sozialen und okologischen Bedingungen sie hergestellt wurden, ist oftmals nicht so einfach einzusehen. Nicht einmal innerhalb Österreichs ist das so einfach **. Die teureren sind vielleicht Bio. Und das will dann wieder niemand zahlen. Ich frage mich allerdings, warum für Wellnessprodukte doch wieder Geld im Börserl zu sein scheint…

Conclusio

Zusammenfassend bin ich bei vergleichbaren Produkten schon der Regionalist: Je näher desto besser. Bie Fairtrade- vs. Industrieprodukt kann’s schon anders ausschauen. Hirn einschalten ist gefragt. Und zwar nicht unbedingt beim Konsumenten, sondern in der Politik bzw. in der Umsetzung gewisser Umstände in den Medien.

Wer sich an ein bisschen Aktionismus in dieser Sache im Kleinen beteiligen will, kann folgendes kleine Experiment versuchen: Nächstes Mal in der Gemüseabteilung bewusst Produkte aus der eigenen Nähe (Nähe. Nicht unbedingt Land) kaufen. Und wenn man etwas findet, das man gerne hätte, aber sich denkt, es kommt von zu weit her, dann ganz einfach laut sagen: Pfuh, das kommt ja aus (wo auch immer) und ist sicherlich mit Kunstdünger gezogen! Ganz interessant finde ich, dass sich schon manch anderer Kunde davon angesprochen gefühlt hat und sogar schon ein paar mal bereits genommene Ware wieder zurückgelegt hat und sich nach Alternativen umgeschaut hat. Ich werde das als kleinen Erfolg. Als meinen kleinen Erfolg gegen die Blödheit der Welt.

Dank

Mein Dank gilt Christian Salmhofer, der in einem plakativen und durchaus gefährlich gehaltenem Vortrag [ 3 ] (Bio aus Übersee mit Nichtbio aus der Nöhe vergleichen halte ich für marketingtechnisch gefährlich) ein Quell der Inspiration für Korrekturen an dem Artikel war.

Fußnoten

* Indische Waschnüsse haben sicherlich einen miesen ökologischen Fingerabrduck, wenn sie quer durch die Welt transportiert werden. Trotzdem verwende ich sie. Gewisse Annehmlichkeiten der Zivilisiertheit (Energie) wollen wir einfach nicht mehr hergeben. Das ist klar. Aber was ist, wenn die Chinesen und die Inder als Masse plötzlich dieselben Ansprüche stellen? Dann werden Dämme wie der 3-Schluchten-Staudamm gebaut und die ganze Welt ist empört. Zu Recht?

** Ich möchte auf einen Bilderartikel des Standard aus dem Jahr 2006 zum Thema Bio-Kennzeichnung verweisen: Was ist wirklich Bio?