Essensvernichtung nach Plan

Es ekelt mich an: Wenn ich abends durch einen Supermarkt gehe, dann kann ich immer wieder ein grausames Ritual beobachten. Angestellte nehmen vorverpackte Sandwiches, aufgeschnittene Wurstwaren, Fruchsäfte in die Hand. Lesen eine Nummer darauf vor, die ein anderer Angestellter in eine Liste einträgt. Dann wird das Produkt in einen Müllsack geworfen. Also Lebensmittelvernichtung. Wirtschaftlich durchgerechnete Lebensmittelvernichtung. Anders kann das wohl nicht erklärt werden. Dabei sind die fertig abgepackten Dinger manchmal so ungustiös, dass ich mich immer frage, wer die wirklich gerne kauft.

Beim Verlassen des Geschäftes finde ich dann kistenweise Brot. Eine Tastprobe ergibt: Flauschig, nicht verschimmelt, also nichts auszusetzen. Dennoch wird dieses Brot zusammen mit vielen anderen am Müll landen. Ich denk bei mir: Muss das sein? Mich beschleicht so eine Ahnung: Die Geschäfte leben von ihrem Image. Und dazu gehört auch, dass ja kein Kunde sagen soll: Ich war gestern beim xxx und hab kein Brot mehr bekommen. Oder wahlweise: Ich hab gestern an der Wursttheke echt 2 Minuten warten müssen, bis mir jemand meine Wurst aufgeschnitten hat. Nicht auszudenken, 2 Minuten auf seine Wurst warten zu müssen.

Ich beschließe, achtsamer zu sein, was vorgefertigte Frischlebensmittel betrifft und konzentriere mich dabei auf die Wursttheke und die meistens daneben angeordnete Abteilung mit vorbereiteten Wurstsemmerln.

Schauplatz Wursttheke

Die stapelweise aufgehäuften Wursttürme haben nicht selten schon den grindigen Rand, der von stundenlanger Lagerung an der Luft herrührt. Manchmal sogar extrem vertrocknete und verdächtig schimmernde Stücke zuoberst. Grauslig. Auf dezentes Verlangen nach frisch aufgeschnittener Wurst werde ich schief angeschaut und die Verkäuferin meint, dass die Wurst eh aufgeschnitten ist. Ja, sag ich, das sehe ich, aber seit wann denn? Schulterzucken als Antwort. Ist ja auch was. Ich verabschiede mich ohne Wurst zu kaufen, dreh mich um und gehe. Die Blicke der Verkäuferin bohren sich in meinen Rücken. Aber ich bleibe standhaft und schaue nicht zurück.

Schauplatz: Wurstsemmerlstand

Appetitlich angeordnete, in Zellophan eingewickelte Brötchen und Semmerln und Kornspitz. Mit Wurst, Käse, Gurken, Salat in zig Varianten. Wunderbares, teilweise wirklich nahrhaftes Essen. Manche werden gerade erst frisch zubereitet und hingelegt. Super. Einen Kornspitz finde ich, der sicherlich schon länger hier liegt: Braune Ränder an der Wurst und der glänzende Käse verraten ihn. Den würde ich so nicht mehr unbedingt nehmen. Wenn ich ihn selber verpackt hätte, wüsste ich wenigstens, wann das war. Aber so bleibt der Kornspitz liegen. Wohl bis ans Ende des Tages wo er das eingangs geschilderte Schicksal erleiden wird. Ich leg den Kornspitz unbemerkt ins Eck des Körberls und markiere ihn.

Am Abend komme ich nochmal in das Geschäft und, padauz, der Kornspitz ist immer noch da. Die Angestellten sind gerade mit Lebensmittelvernichtung beschäftigt. Ich flüstere dem Kornspitz ein wehmütiges adieu zu, als er im schwarzen Sack landet. Zusammen mit etwa 15 anderen Semmerln.

Würden Sie das zu Hause auch so machen?

Ich frage mich, und damit Sie, geneigte Leserin, ob das bei Ihnen zu Hause auch so rennt. Brote schmieren, falls noch jemand kommt und eines haben will. Und wenn es nicht mehr schön ausschaut, wegwerfen. Also ich mache das nicht. Ich habe da einen Spruch, den ich sehr gerne habe: Nicht das Essen soll auf die Gäste warten, sondern die Gäste aufs Essen. Ich praktiziere das auch bei Essenseinladungen: Vorbereitende Arbeiten können schon vorher beginnen, aber das eigentliche kochen, braten, schmoren beginne ich erst, wenn alle da sind.

Das Argument, dass der Kunde wenig Zeit hat und daher schnell zu seinem Mampf kommen muss zählt nicht, finde ich. Warum? Ganz einfach: Wenn es wirklich um die Zeit der Kunden ginge, hätten wir ein anderes System an den Kassen: Nicht eine Warteschlange pro Kassa, sondern eine (1) Warteschlange für alle Kassen. So wie das oft auf Flughäfen zu sehen ist.

Also lassen wir einmal dieses Argument beiseite, was bleibt dann noch? Mir fiele noch ein, dass sich die Mitarbeiter Zeit sparen würden. Das kann schon sein, muss aber nicht. Letztens hab ich recht lange warten müssen, bis mir mein Semmerl zubereitet werden kann. Weil nämlich gescheiterweise die Wurstmaschine damit beschäftigt war, eine riesen Stange Extrawurst vorzuschneiden. Und meine Bergsalami, aus angeblich biologischem Anbau, musste warten. Damit haben wir wieder Stehzeiten und zugleich das Argument Zeit des Kunden noch etwas relativiert.

Hand hoch, wem noch ein Grund einfällt, warum es besser ist, Essen wegzuschmeißen als nicht? Niemand? Mir auch nicht. Richtig schlecht wird mir allerdings, wenn ich Formulierungen wie die im ORF.at-Bericht lese [ 1 ]: Weil das Sortieren und Sammeln der Waren zu teuer ist, wird an eine Weitergabe an Bedürftige erst gar nicht gedacht. Wenn das so vom wirtschaftlichen Standpunkt aus stimmt, dann ist der Gesetzgeber gefragt, wieder einmal regulierend in die ach so hochgelobte freie Marktwirtschaft einzugreifen. Warum nicht Poenale auf Essensvernichtung einführen? Oder, weil das sicherlich 1:1 an die Kunden weitergegeben würde, eine Verpflichtung zur Weitergabe an soziale Einrichtungen mit lebensmitteltechnischer Kontrolle. Damit würden die Supermärkte wohl freiwillig auf die Überproduktion verzichten. Und wenn nur 2% dessen überbleiben, was momentan vernichtet wird, ist das auch noch genug, um sozialen Einrichtungen genug zur Verfügung zu stellen (siehe ebenso [ 1 ]).

Lasst uns dieses ekelhafte Verschwenden von Ressourcen auch im Supermarkt unterbinden und permanent frisch zubereitete und abgeschnittene Waren verlangen. Ich warte gern eine halbe Minute länger für jeden Kunden, der vor mir dran ist, wenn ich dann dafür ein frisches Wurstsemmerl bekomme. Ich versuche ohnehin alternative Einkaufsmöglichkeiten für mich zu erschließen. Dazu gehört allen voran der Biosupermarkt Denn (vormals Maran) und Adamah, die ihre Produkte auch zustellen.

Kost‘ ja mehr? Richtig. Warum kostet es mehr? Weil die freie Marktwirtschaft zwar vielleicht frei aber nicht transparent ist. Ich verweise auf Müllskandale in Italien, die uns dioxinverseuchten, dafür billigeren, Mozzarella beschert haben [ 2 ]. Ich verweise auf melaminverseuchtes Milchpulver aus China. Ich verweise auf Legebatterieeier, die in Österreich ab 2009 nicht mehr hergestellt werden dürfen [ 3 ], aber meinem Wissensstand nach weiterhin importiert.

Alles in allem stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass ein nachhaltiges Wirtschaften teurer sein kann, als Raubbau an Land und Leuten. Aber diese Diskussion kann ich leider nicht führen. Schließlich beziehe ich kein Managergehalt bei einem großen Lebensmittelkonzern. Als ob das allerdings ein Kennzeichen für Kompetenz auf diesem Gebiet wäre…

Nachtrag: Es geht auch anders (2009-01-03)

Danke für den Hinweis an eine nicht genannt werden wollende Freundin von mir (Danke für deinen Senf!): Sie hat eine Zeit lang im Bereich Betreuung gearbeitet und mir ein paar Beispiele genannt, wo es besser funktioniert.

Zum einen ist da die Wiener Tafel, die immer mehr Partner gewinnt. Bezeichnend ist, dass, als ich diesen Artikel schreibe, nur ein einziger Sponsor aus dem Bereich Lebensmittelverkauf kommt. Die anderen sind Zeitungen, Sozialeinrichtungen, Entsorgungsfirmen, …

Zum anderen gibt es lobenswerte Ausnahmen auch in jenen Konzernen, die sonst lieber entsorgen.  Etwa in einer Filiale im 10.Bezirk, die mit der Caritas eine Abmachung hat, dass dort überschüssige Backwaren abgeholt werden dürfen. Danke, lieber Filialleiter!