Kurzgeschichte: Lichter

Lichter war das Thema für den FM4-Literaturwettbewerb 2007. Ich habe damals nicht daran teilgenommen. Aber zum vorgegebenen Thema ist mir irgendwann doch eine Idee gekommen, die sich langsam doch zu einer kurzen Geschichte ausgebaut hat. Bitteschön.

Lichter

Ich werd‘ alt, sagt mir ein Gesicht im Spiegel. Ich versuche nicht hinzuhören. Gelingt nicht ganz. Klar, jünger wird niemand. Aber schön langsam merkt man es. Merke ich es. Kleinigkeiten, über die ich nie nachgedacht habe, rücken plötzlich in den Vordergrund. Wehwechen im Kreuz, Wehwechen im Bauch. Gelenksschmerzen. Aber auch weniger physische Dinge. Menschen, die gestorben sind, obwohl sie eigentlich noch da sein müssten, weil sie immer da waren. Midlife crisis? Nein, das nicht. Keine Gefühle, was versäumt zu haben. Auch wenn manche Gelegenheiten einfach so an mir vorübergegangen sind. Menschlich und im Berufsleben. Bereue ich was? Ja, manchmal. Aber um ehrlich zu sein nichts so, dass ich mir wünschen würde, wieder zurückgehen zu können und mich anders zu verhalten. Ich würde sagen, das bezeichnet man als Zufriedenheit mit dem, was man ist. Nicht unbedingt das Idealbild aber doch eines, mit dem ich mich identifizieren kann und gerne identifiziere.

Ich werd‘ alt. Höre ich auch oft von anderen, denen es wohl ähnlich geht, wie mir manchmal. Jeder hat wohl ab und zu dieses Gefühl, schon so viel erlebt oder and so viel vorbeigelebt zu haben, dass sie sich in Gegenwart jüngerer Semester sehr alt vorkommen muss: Biene Maja? Kenn ich nicht. In solchen Situationen denke ich gerne daran, wie es war, als ich klein war. Keine Sorgen, keine Ängste. Also schon Ängste, aber eben solche, die Kinder haben dürfen: Gespenster unterm Bett und Spinnen im Keller. Aber es ändert sich. Die Schule geht zu Ende, das Leben beginnt. Und ich hatte erstmals Angst, unterzugehen. Auch wenn es dafür keinen Grund gab. Aber so ist das eben: Ohne Grund geht man unter.

Dann nach der Uni, gut ich bin noch nicht fertig, wieder so eine Angst: Was dann? Arbeite ich weiter wie bisher? Suche ich was neues?

Familie? Klar, Familie gründen ist toll, aber dazu braucht es jemanden. An das Alleinesein kann man sich gewöhnen. Vielleicht habe ich das auch. Schön ist es nicht immer. Aber verdammt bequem.

Ich werd‘ alt. Als es mir plötzlich leichter fiel, früher aufzustehen, dachte ich sofort an senile Bettflucht. Wenn ich jetzt dazusage, dass ich damit meine, vor 8 aus dem Bett zu kriechen, werde ich wohl gleich ausgelacht. Die Ausgehabende enden auch wesentlich früher als früher. Weil ich selbst, und die, die mit mir alt werden, doch noch die letzte U-Bahn erwischen wollen. Und die Verpflichtungen am nächsten Tag schreien auch nach uns.

Das Spiegelblid betrachtet mich eingehend. Keine Falten zu sehen. Außer den Lachkrähen, die immer schon da waren. Nirgends ein graues Haar zu sehen.

… Oh, und mein Haar wird auch immer lichter.