Menschichkeit oder: Der Umgang mit dem Tod

Zu diesem Text haben mich die Erfahrungen inspiriert, die ich gemacht habe, als meine Mutti gestorben ist. Ich möchte nicht auf den Tod selbst eingehen, sondern auf die Begleitung durch die Menschen, deren Beruf der Tod ist: Bestatter, Beamte und Priester. Es ist wohl auch als Teil der Aufarbeitung für mich selbst gedacht.

Natürlich muss auch beim Sterben einiges an Papierkram und Behördengängen absolviert werden. Das ist die nüchterne Seite an allem, was in unserem Leben passiert. Da ist der Tod keine Ausnahme.

Der Tod am Land

Als meine Mutti am 14.Jänner 2007 gestorben ist, konnten wir es alle nicht wirklich glauben. Unser lokaler Bestatter (Franz Pacher, Mölltaler Bestattung) war damals ein Fels in der Brandung. Der Franz war der Ansprechpartner, dem man auch angesehen hat, dass es nicht nur ein Job ist, den er da als Bestatter macht, sondern auch Berufung.

Der Respekt vor dem Leben und dem Tod ist bei ihm immer spürbar. Auch wenn er andere Tote begleitet. Das weiß ich von den paar Malen, in denen ich ihn bei der Arbeit erlebt habe, wenn er bei uns war.

Ganz still im Hintergrund hat er den notwendigen Papierkram erledigt. Ab und zu, wenn wir selbst irgendwas unterschreiben oder bestimmen mussten, hat er sich einfühlsam darum bemüht, es wenigstens kurz zu machen.

Eine ganz wichtige symbolische Handlung war die Hausaufbahrung. Ich konnte es mir zwar anfangs nicht vorstellen, mit der toten Mutti in einem Zimmer zu sein. Aber der Abend und der nächste Vormittag, an dem die Leute kamen und gingen, hatten etwas von Gemeinsamkeit. Wir haben gemeinsam mit der Mutti gegessen, geredet, geweint. Vielleicht sogar ein bisschen gelacht?

Meine Mutti wurde nach zwei Tagen und einer Nacht zu Hause dann in der Kirche für die Seelenmesse aufgebahrt. Am nächsten Morgen war geplant, dass sich die Ortschaft verabschieden kann. Trotzdem bestand der Pfarrer (wohl aus alter Tradition heraus) darauf, dass meine Mutti wieder ins Kühlhaus überstellt werden sollte, um frühmorgens am nächsten Tag wieder in die Kirche gebracht zu werden. Ich verstand und verstehe diese Haltung nicht ganz, aber bitte.

Ich möchte mich auch via meiner Webseite bei den vielen Menschen bedanken, die sich alle von meiner Mutti verabschiedet haben. Die beiden Gelegenheiten dazu (obwohl von der Pfarre nur eine geplant war, wurde die Seelenmesse auch schon von vielen dazu benutzt) waren sehr berührend. Ich habe noch nie so viele Menschen in der Kirche gesehen — auch damals nicht, als ich noch selber freiwillig dort hingegangen bin. Auch manche der Anwesenden, die doch ab und zu den Weg in die Kirche finden, haben das gesagt.

Ich selbst kann der katholischen Kirche nicht mehr viel abgewinnen, aber meine Mutti tat das. Ich bin sicher, sie hat sich darüber gefreut, wie die Menschen im Ort sich verabschiedet haben. Und wohl auch, wie die Messe gefeiert wurde und dass sie nicht in der kalten Aufbahrungshalle liegen musste, sondern in der Kirche. Dafür danke ich der Pfarre. Insgesamt ist mir die kleine Gemeinde Obervellach noch nie so warm vorgekommen, wie in diesen Tagen.

Es folgte die Überstellung nach Wien. Der Franz hat das auch noch gemacht und wir sind im Konvoi nach Wien gefahren. Dieses Geleit war nicht nur im Nachhinein, sondern auch während der Fahrt eine sehr wichtige Handlung. Auch wenn ich anfangs regelrecht Angst davor hatte, den Leichenwagen immer im Rückspiegel sehen zu müssen. Irgendwie war es ein Nachhausebringen.

Der Tod in der Stadt

Nachdem wir also kein Eilzug sind, hat Franz in Wien angerufen, um sicherzustellen, dass wir nicht vor verschlossenen Türen stehen. Und dass wir, die Angehörigen, mitfahren. Die Ohrfeige kam in Wien am Friedhof. Der Beamte, der dort noch Dienst versah, hatte nichts besseres zu tun, als den Franz und meinen Papa, der im Leichenwagen mitgefahren ist, so zu begrüßen: Na, a bissl früher hättens schon kommen können, ich hab eigentlich schon Dienstschluss. Quasi gnadenhalber hat er mit leicht verärgerten Gesichtszügen die Tür zum Kählraum aufgesperrt. Er hat keinen Finger gerührt, als wir den Sarg selbst in die Kühlkammer getragen haben. Er hat auch keinen Finger gerührt, als wir Probleme hatten, den Sarg in das obere Fach zu stellen. Selbst, als ihn Franz darauf hingewiesen hat, dass wir die Angehörigen sind, hat er sich nur zu einem zaghaften Oh, tschulligung. Das ist bei uns nicht üblich, dass Angehörige mitkommen. durchringen können. Aha, also wenn Angehörige nicht dabei sind, würde er sich genauso verhalten? Na dankeschön.

Ich könnte heute noch an die Decke gehen, wenn ich an diesen Typen auch nur denke. Das ist für mich ein wunderschönes Beispiel für jemanden, der seinen Beruf meilenweit verfehlt hat. Für ihn ist das Anliefern von Toten offenbar einfach ein Zahlenspiel, das nur dann gerade auszuhalten ist, wenn es innerhalb der Dienstzeiten geschieht.

Bei der Bestattung Wien sah das dann wieder anders aus: Der Herr dort ist zwar ein Beamter, hat sich aber seine Menschlichkeit ein bisschen bewahrt.

Ich finde es äußerst schade, dass im städtischen Bereich der Bestatter nicht zum Hausbesuch verpflichtet ist. Die Bestattung wurde ebenso zentralisiert, wie manche anderen Dinge. Und gerade bei einem Todesfall ist es beinahe unzumutbar, dass man sich noch quer durch die Stadt quetschen muss. Vielleicht in den Öffis, obwohl man es nicht erträgt, diese ganzen Gesichter zu sehen — ob freudig oder traurig oder fad. Vielleicht mit dem Auto, um sich durch den Stau zu ärgern, als Arschloch beschimpfen zu lassen, weil man nicht schnell genug bei grün wegfährt. Vielleicht auch noch keinen Parkplatz findet. Und das alles nur, um Papierkram zu erledigen.

Beim direkten, aufgezwungenen Vergleich, den ich erlebt habe, halte ich das Geschäft mit dem Tod ist ein durchaus legitimes. Sofern es sich in Bahnen bewegt, wo man nicht das Gefühl hat, dass dem Bestatter der Tote und die Hinterbliebenen vollkommen egal sind. Es gibt nichts ekelhafteres, als ein Gegenüber, in dessen Augen sich die Eurozeichen geradezu heimisch fühlen, wenn man selbst am liebsten in der Erde versinken möchte.

Als argen Kontrast dazu, sehe ich den Herren bei der Bestattung Wien und natürlich den Franz Pacher. Die beiden haben weder den Beamten, noch den abgebrühten Totengräber heraushängen lassen. Sie waren einfach Begleiter. Der Beamte in Wien natürlich weniger, aber auch bei ihm hatte ich das Gefühl, dass er sich das Menschsein nicht dadurch vermiesen lassen hat, dass er beamtet ist.

Auch der Pfarrer in Wien war anders. Er ist Inder, der sich dem Katholizismus verschrieben hat. Er ist uns nicht mit den üblichen Sprüchen gekommen, die mich von der katholischen Kirche so abkommen haben lassen. Kein Gott wollte es so, kein Sie ist jetzt bei Gott. Er hat einfach nur Mitgefühl ausgestrahlt und den Willen, eine schöne Messe zu halten. Bei ihm hatte ich das Gefühl, dass er aus anderen Gründen Pfarrer geworden ist, als vielleicht die Menschen bei uns. Ich weiß nicht, welche Gründe das sein mögen, aber in ihm steckte ein Stück mehr Authentizität, als in manchen anderen.

Schluss

Ich finde es schön, dass es am Land noch die Möglichkeit einer Hausaufbahrung gibt. Die Begleitung durch den Bestatter in Obervellach war sehr wichtig und stützend. Der Transport nach Wien, den wir begleiten durften hat mir sehr viel gegeben.

Menschen, die keinerlei Respekt vor dem Leben (und dem Tod) haben, sollten nicht als Bestatter oder Friedhofsbeamte arbeiten dürfen.

Ablenkung ist in den ersten Tagen ein sehr wichtiger Bestandteil. Doch wenn man dadurch vom Trauern abgehalten wird, ist das glaube ich sehr gefährlich.

Ich denke, dass es nicht wichtig ist, welchen Glauben man hat; Hauptsache man glaubt und respektiert, dass andere anderes glauben können.