Tschüs

Tschüs: Gott zum Gruße

Ein Hoch dem Servus und dem Pfiati

Das Deutsche und im Speziellen das Österreichische sind schon feine Sprach(nuanc)en. Es gibt für so viele Dinge so viele Möglichkeiten, sie in Worte zu gießen. Da wäre zum Beispiel das Essen: Spachteln, mampfen, habern, schnabulieren, einwerfen, obewirgn, … Oder Begrüßgungen und Verabschiedungen: Servus, baba, grüßdich, griaßdi, hawidere, hallo, (auf) wiedersehen, bis bald, … Und dann gibt es da noch das omnipräsente Tschüs.

Alle deutschen Mitleser mögen sich bitte zurücklehnen und den Artikel nicht auf sich selbst beziehen: Jede Sprachinsel hat ihre Eigenheiten und ich mag einfach nicht, dass wir Österreicher unsere aufgeben.

Warum dieses norddeutsche Grußwort so einen Siegeszug in Österreich angetreten hat, ist mir schleierhaft. Also, ich meine, nicht ganz. Eine Hypothese habe ich schon anzubieten. Ich gebe der Einfachheit halber einmal dem TV die Schuld. Warum? Einfach: Ich kann mich nicht erinnern, dass in unserem verschlafenen Dorf in den 1980ern irgendjemand das Wörtchen tschüs gekannt hätte. Gekannt vielleicht schon, aber verwendet?

Bis dahin hörte man die allseits beliebten seas als Kurzform für servus, das den gegenseitigen Respekt doch ein bissl andeutet*. Oder habidere für habe die Ehre. Heute ist das alles verschwunden. Die Kinder lernen solche Grüße einfach nicht mehr. Woher auch? Das Privat TV, vor allem aus Deutschland — wir in Österreich haben ja nichts ernstzunehmend vergleichbares —, betet es uns ja jeden Tag vor: Tschüs hier, tschüs da. Und bei den Erwachsenen hat sich die Gehirnwäsche auch schon oft ausgewirkt. Oft, aber Gott sei Dank nicht überall. Beispiel gefällig? Die Sendung Drachenschatz im ORF. Da gab es Runden, wo Kinder mit Erwachsenen antreten durften. Die Verabschiedung der Kandidatenpaare ging mit einem Griaßeich, Pfiateich, Wiedersehen! oder ähnlichem seitens der Erwachsenen über die Bühne. Und bei den Kindern habe ich es nur einmal erlebt, dass eines nicht tschüs gesagt hätte…

Als Abschiedsgruß bietet sich ein elegant aus der Kehle gerolltes pfiati (für (Gott) behüte dich) an. Höre ich leider auch nur mehr sehr selten.

Genug von dem altvatrischen Gejammer über die gute alte Zeit, wo alles besser war. Stimmt vor allem auch garnicht. Ich finde es einfach nur schade, dass wir heute einfach nicht mehr fähig zu sein scheinen, unsere eigene Sprache zu verwenden. Oder verwenden zu wollen. Ich will garnicht auf die Anglifizierung des Alltagssprachgebrauches eingehen.

Ich möchte alle Leserinnen** dieses Artikels einmal ans Herz legen, einmal kurz darüber nachzudenken, wie in ihrem Umfeld gegrüßt oder verabschiedet wird. Und was mich auch einmal interessieren würde: Klingen die ehrwürdigen servus, pfiati und baba seltsam?

In diesem Sinne, ein herzhaftes pfiateich olle mitanonda!


Für alle I-Tipfler, wie ich selber einer bin: Es gibt mehrere Versuche, die Entstehung des Tschüs zu erklären. der wohl glaubwürdigste ist auf [ 1 ] zu finden: Von adiós hergeleitet als Gott zum Gruße.

Mir gefiele aber auch ein Erklärungsversuch, den ich so einmal aufgeschnappt habe. Demnach lehne sich das tschüs an das Nordische kyssa für küssen an und entspräche also dem hocheleganten Küsschen, Küsschen.

Fußnoten

* servus lat. = Sklave. Das italienische Ciao leitet sich im Übrigen ebenfalls von dieser Wurzel ab (schiavo, ital.)

** Wer sich wundert, warum ich hier anscheinend nur die weibliche Leserschaft anspreche, der (und die) sei auf meinen anderen Artikel zum Thema kapitales Binnen-I verwiesen.